23.07.2017
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Wie Erfolg eine Crowdfunding-Kampagne zerstört – Die Geschichte von „Sullivan’s Sluggers“

Im Zuge der trans-/cross- und sonstigen medialen Entwicklungen ist das Thema Crowdfunding immer wieder von zentraler Bedeutung. Die Möglichkeit durch Finanzierungsplattformen, wie etwa Kickstarter oder Indiegogo in den USA, oder Startnext  in Deutschland, Unternehmungen aller Art umzusetzen und sich dem manchmal erdrückenden Einfluß von Verlagen und Medienhäusern zu entziehen, ist ein Versprechen, dem viele Kreative nicht widerstehen können. Das der Prozess Fallstricke in sich birgt und es inzwischen bereits Agenturen gibt, die erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen managen hat dem Enthusiasmus für die Methode bisher keinen Abbruch getan.

Während die Erfolgsgeschichten große Aufmerksamkeit erhalten (wie etwa Amanda Palmer oder die Spieleschmiede Double Fine), so finden die Niederlagen meistens wenig Beachtung. Die enttäuschten Erwartungen der Crowdfunder bieten nur selten Potential für Schlagzeilen und die heimlich, still und leise begrabenen Crowdfunding-Projekte sind kaum zu zählen. Umso beachtlicher ist es deswegen wenn eine Kampagne sich in aller Öffentlichkeit selber zerlegt und gerade deswegen ist der Fall von „Sullivan’s Sluggers“ ein besonderes Beispiel für ein Worst-Case-Szenario einer Kampagne, die zwar ihre Finanzierung erlangt hat, aber am Ende doch für alle Beteiligten geradezu ruinös gewesen ist.

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Die Geschichte von „Sullivan’s Sluggers“ ist gerade deswegen auch besonders interessant, weil darin einiges zusammen kommt. „Sullivan’s Sluggers“ ist ein US-amerikanisches Comic und gerade der Comic-Markt hat sich (nur wenig beachtet) stark verändert: Webcomics haben als alternative Publikationsform inzwischen einen hohen Leseranteil, während zugleich die großen Verlage lange Zeit die digitale Distribution vernachlässigt hatten. Inzwischen ergänzen allerdings Apps und digitale Vertriebsplattformen wie etwa Comixology die klassischen Print-Angebote.

Crowdfunding für Comic-Projekte war und ist deswegen keine überraschende Entwicklung. Für Autoren und Zeichner bietet sich so die Gelegenheit ihre Fans direkt anzusprechen und Veröffentlichungen vorzufinanzieren. Dies war auch die Prämisse hinter der Crowdfunding-Kampagne von „Sullivan’s Sluggers“ von Mark Andrew Smith (Autor) und James Stokoe (Zeichner), dessen verworrene Geburt nur teilweise rekonstruiert werden kann.

Die Kampagne enthält so ziemlich alles, was nicht nur in der heutigen Comicwelt, sondern auch was für Crowdfunding von Bedeutung ist: Von ehrgeizigen Machern, über marginalisierte Kreative, die Risiken des Eigenverlags, die Fallstricke der digitalen Distribution, Social Media-Fehden und ein Desaster in der öffentlichen Kommunikation. Nicht zuletzt ist die Geschichte von „Sullivan’s Sluggers“ ein Beispiel dafür, dass Crowdfunding Management-Talent benötigt, dass nicht jeder Kreative mitbringt.

„Sullivan’s Sluggers“ ist wieder Erwarten am 18. Dezember 2013 öffentlich erschienen. Das es überhaupt soweit kam, war lange nicht zu erwarten gewesen. Denn die nachweisbare Geschichte von diesem Comic, dass vom Überlebenskampf einer Baseballmannschaft in einer Zombiestadt erzählt, beginnt bereits mit einer Absage: Bereits 2010 wurde die Serie als Graphic Novel von dem großen amerikanischen Comic-Verlag Image angekündigt. Autor Mark Andrew Smith war zu diesem Zeitpunkt bei Image bereits etabliert, seine Serie „Amazing Joy Buzzards“ entstammte der von ihm herausgegebenen Anthologie „Popgun“.

Jede Menge Interviews mit dem Schöpfer Mark Andrew Smith sorgten für einen ordentlichen Hype um das Werk. Was nicht zuletzt auch auf die Beteiligung von James Stokoe zurückging, dessen eigene Serie „Orc Stain“ ihn zu einer der neuen Hoffnungen am amerikanischen Indie-Comic-Himmel gemacht hatte. Bevor es soweit kam, wurde die Graphic Novel von Image wieder aus dem Programm genommen. Image äußerte sich – trotz der vielen bis dahin positiven Pressestimmen – nicht zu diesem Fall. Auch Autor Smith ließ nichts verlauten. Über ein Jahr blieb Werk der beiden Comic-Hoffnungsträger verschollen. Erst im Mai 2012 tauchte es wieder auf: Auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter.

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Mark Andrew Smith verantwortete die Crowdfunding-Kampagne alleine und wollte sich damit – nach eigener Aussage – aus dem Griff der traditionellen Verlage befreien. Wieder gelang es Mark Andrew Smith ordentlich Aufmerksamkeit für „Sullivan’s Sluggers“ zu erhalten. Bereits am ersten Tag der Kampagne kamen – statt der anvisierten Gesamtsumme von 6.000 Dollar – mehr als 16.000 Dollar zusammen. Am Ende sollten es 97.626 Dollar sein.

Smith hatte die Kampagne mit immer neuen Aufwertungen, noch mehr Bonusmaterial und Extravaganzen für das Buch weiter angeheizt. Das die Rechte für das Comic auch noch an eine Filmproduktionsfirma verkauft wurden, sorgt für weiteren Hype. Den enthusiastischen Unterstützern der Kampagne wurde versprochen, dass sie innerhalb von nur vier Monaten, im September 2012, das Werk selber in den Händen halten konnten. Für 30.- Dollar konnte man die Hardcover-Ausgabe erwerben, 10.- Dollar mußten die Unterstützer außerhalb der USA für ihr Exemplar drauflegen.

Doch es sollte alles ganz anders kommen: Bereits im selben Monat wie die erfolgreiche Kickstarter-Kampagne erschien „Sullivan’s Sluggers“ bei dem digitalen Comicdistributor Comixology. Die Unterstützer des Projektes, die auf Kickstarter ihr Geld für dessen Veröffentlichung unterstützt hatten, mußten noch bis September auf ihre digitale (!) Kopie warten. Spätestens an dieser Stelle war Zweifel an Smiths Geschäftspraktiken angebracht. Vor allem da die ebenfalls versprochene Buchausgabe inzwischen auf Januar verschoben worden war. Das Smith inzwischen auf Social Media-Kanälen frustrierte Unterstützer ziemlich hart angegangen war, verschärfte den Unmut noch weiter.

Smith kündigte an, dass die ersten Bücher im Januar 2013 ausgeliefert worden seien, doch die meisten Unterstützer mußten weiter warten. Als dann im März 2013 plötzlich ein zweites Kickstarter-Projekt auftauchte, dass Smith eingerichtet hatte, um „die internationalen Lieferkosten“ finanziell abzudecken brach der Tumult erst richtig los. Die Situation eskalierte schließlich am 7. März 2013.

Ein Journalist von des Nachrichtenportals Comics Alliance wies anhand von Fotos, die Smith selber gepostet hatte, nach, dass Smith offensichtlich statt der Exklusivexemplare für die rund 2.800 Unterstützer, mehr als 6.000 Exemplare hatte drucken lassen. Und dies obwohl die Bücher ausschließlich und exklusiv für die Kickstarter-Unterstützer gedacht gewesen sein sollten. Am selben Tag beleidigte Smith auch noch Künstler Stokoe auf Kickstarter und machte ihn für die Verzögerungen mitverantwortlich, worauf Stokoe sich öffentlich von seiner eigenen Arbeit und „Sullivan’s Sluggers“ distanzierte.

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Der Aufschrei war extrem. Smith sah sich gezwungen die zweite Kickstarter-Kampagne einzustellen. Doch die Ereignisse hielten ihn nicht davon ab auf der Kickstarter-Alternative Indiegogo erneut zu versuchen Geld für die „internationale Lieferkosten“ zu sammeln. Es kam allerdings nicht sehr viel dabei zusammen. Seit Frühjahr 2013 sammelten sich auf Kickstarter die Nachfragen von Unterstützern, die immer noch auf ihre Ausgabe von „Sullivan’s Sluggers“ warten. Innerhalb und außerhalb der USA. Daran hat sich bis Winter 2014 nichts geändert.

Stattdessen tauchte die angeblich exklusive Kickstarter-Edition von „Sullivan’s Sluggers“ in der Oktober-Ausgabe des internationalen Comicversandhändlers Diamond (Bestellnummer „Oct13 1234“) auf und erreichte so die Hände internationaler Käufer bevor sie einige der Crowdfunder erhielten, die seit fast 1 1/2 Jahren auf ihr Exemplar warten.

„Sullivan’s Sluggers“ fällt damit in die erstaunliche Kategorie von Crowdfunding-Projekten, die ihr finanzielles Ziel nicht nur erreichen, sondern sogar darüber hinausschießen und daran schließlich zugrunde gehen.  Der aus der Software- und Gaming-Branche bekannte „Feature creep“ (das Aufwerten mit immer neuen Funktionen) hat in diesem Fall aus einer einfachen Printausgabe eine Oversize-De-Luxe-Ausgabe im Schuber gemacht gehabt. Öffentlichkeitsarbeit, Distribution und allgemeines Management konnten mit diesem Produkt schließlich nicht mehr mithalten.

Auch wenn das Comic sicherlich kein Meilenstein der Comicgeschichte ist, so ist seine Wirkung dennoch spürbar. Allerdings im negativen Sinne: Seit dem „Sullivan’s Sluggers“-Debakel dürfte Crowdfunding für Comics wieder schwieriger geworden sein. 

Über Philipp Zimmermann

Philipp Zimmermann ist eigentlich gelernter Drehbuchautor, doch seitdem ihm mal jemand gesagt hat, dass er "gut mit dem Internet kann" ist er vor allem Autor für Transmedia und Gaming. Er bloggt für Transmedia Storytelling Berlin, Das Wilde Dutzend, sowie in eigener Verantwortung unter kaminkatze.de

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