19.11.2017
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Transmedia Storytelling für Dokumentarfilme

Benjamin Wiedenbruch untersucht in seiner Master-Abschlussarbeit die Möglichkeiten des Transmedialen Storytellings für Dokumentarfilme.

In seinen Betrachtungen des gegenwärtigen Zustandes der Branche zitiert er unter anderem den Dokumentarfilmer Pepe Danquart, der während des Branchentreffs des Dokumentarfilms Dokville im Jahr 2012 das Publikum zu Wechsel der Fragestellung rät:

„Das Fernsehen neu erfinden heißt die Devise. Die wahren Herausforderungen liegen heute im Internetfernsehen, im dokumentarischen 3-D Kino, in der Fokussierung auf einen Wechsel durch ein jüngeres Publikum im öffentlichen Fernsehen und im Verabschieden des »Immergleichen« im Programm [..] Die Frage sollte lauten: Die digitale Revolution ist vorbei, und was folgt daraus?” (HdF 2012, 9).

In der Folge auf diese Frage geht Benjamin Wiedenbruch darauf ein, dass in deutschen Dokumentarfilm-Produktionsfirmen in den letzten Jahren bereits ein Umdenken stattgefunden hat, das zu einer neuen Ausrichtung führte. In diesem Zusammenhang wird auch auf eine der renommiertesten deutschen Dokumentarfilm-Produktionsfirmen verwiesen, die gebrueder beetz filmproduktion.

Deren Geschäftsführer, Christian Beetz, gibt an, dass sein Unternehmen bislang immer linear erzählt hat und von der Story ausging. Doch seit einigen Jahren schreibt sich die Produktionsfirma auf die Fahnen, den Inhalt in den Vordergrund zu stellen und je nach verwendetem Medium diesen auch anders [ans Medium angepasst] zu erzählen.

Transmedia- und Crossmedia Storytelling

Im weiteren Verlauf zieht Benjamin Wiedenbruch die von Henry Jenkins im Jahr 2009 postulierten „Seven Core Concepts of Transmedia Storytelling“ für seine Untersuchung heran. Zwar wurden diese Konzepte explizit für „commercial entertainment“ und fiktionale Geschichten aufgestellt, aber sie gelten bis heute als Grundlage des medientheoretischen Diskurs.

Interessant in diesem Zusammenhang und besonders erwähnenswert ist Kapitel 6, in dem direkt auf die Unterschiede der crossmedialen und der transmedialen Medienproduktion eingegangen wird, unter Betrachtung der Herangehensweisen von Jenkins und Iacobacci. Folgendes wird für die Erörterung festgehalten:

  • Crossmediale Medienproduktionen transportieren denselben narrativen Inhalt medienspezifisch auf mehreren Medien verteilt. Die gleiche Geschichte, der gleiche Content wird auf verschiedenen Medientypen aufbereitet. Dabei kommt es nur zu minimalen narrativen Abweichungen von der ursprünglichen Diegese. Es handelt sich also um eine Adaption.
  • Beide Ansätze, crossmedial und transmedial, sind multimediale Phänomene der Medienkonvergenz. Die Grenzen zwischen beiden Narrations-Formen ist oftmals noch unscharf und die Übergänge weitgehend fließend. Dies liegt am noch experimentellen Stadium solcher Produktionen
  • In rein transmedialen Medienproduktionen werden hingegen etablierte Geschichten und die sie umrahmenden Welten (Diegese) durch jedes hinzukommende Medium narrativ erweitert oder ergänzt

Diese grundlegenden Betrachtungen führen den Autor der Abschlussarbeit weiter zu der Annahme, dass die Wirklichkeit des Dokumentarfilms (die filmische Erzählung der Diegese) durch geeignete, einzelne Werk-Diegesen in eine Transmediale Erzählkampagne überführt werden kann, wobei diese fortführende dokumentarische Verdichtung einen wesentlichen Unterschied zur ergänzenden Dichtung im fiktionalen Bereich darstellt.

Der Dokumentarist als Weltenbauer

Im Verlauf von Kapitel sieben geht der Autor näher auf die Fragen ein, welche Motivation hinter eine Transmedialisierung im dokumentar-filmischen Bereich stehen könnte, warum ein solcher Aufwand betrieben werden sollte und wo der Mehrwert für den Zuschauer liegt.

Im Vergleich zu der fiktionalen, häufig auch (durch Jenkins und Bordwell) als Franchise bezeichneten Transmedialisierung steckt nach weiterer Untersuchung des Themas häufig ein Marketing Ansatz, den unter anderem die großen Studios dazu nutzen um ihre Blockbuster durch geeignetes Transmedia Marketing erfolgreich an eine breite Masse heranzuführen.

In diesem Zusammenhang weist Benjamin Wiedenbruch auch auf die Nähe zwischen Transmedia Storytelling und Transmedia Branding hin, wobei beides zur Maximierung des intensiven Erlebnisses des Menschen beim Eintauchen in eine solche Storywelt beiträgt. Je mehr Menschen Inhalte aus einer solchen Storywelt konsumieren, umso größer ist die Chance, dass diese auch weitere Inhalte aus dem gleichen Universum konsumieren, was schließlich für eine Profitmaximierung spricht.

Im Hinblick auf eine Dokumentarfilmproduktion bietet es sich an, die in der Diegese manifestierten Thematiken zu „branden“, das heißt sie zu einer Marke auszubauen. Ein durch ein Primärwerk erschlossenes Themenfeld wird so zu einer Markenwelt, einem Fran-chise46 weiterentwickelt und transmedial erzählt.

S. 66

Als Beispiel hierzu führt Wiedenbruch unter anderem den Dokumentarfilm The Cove (USA, 2009) an.

Im folgenden Kapitel 8 geht er dann auf die verschiedenen möglichen Erweiterungselemente ein, beschreibt diese und vergleicht ihre Effekte auf den Rezipienten. Darüber hinaus werden in Kapitel 9 die Kommunikationsmöglichkeiten mit diesem stärker beleuchtet.

Die Schlußfolgerungen zu denen Benjamin Wiedenbruch kommt sind unter Betrachtung aller angebrachten Belege in in der Abschlussarbeit  nachvollziehbar und zeigen vielschichtige Möglichkeiten für den eigenen Produktionsablauf eines Dokumentarfilmprojektes mit transmedialen Erweiterungen. Wir freuen uns sehr und sagen herzlichen Dank, dass wir zum einen die Arbeit lesen durften und zum anderen diese auch veröffentlichen dürfen.

Wer Kontakt zu Benjamin Wiedenbruch aufnehmen möchte, kann dies unter anderem über http://www.steppingforward.eu/ machen, wo er bereits mehrfach für Dokumentatorische Projekte als Produzent tätig war.

Download der Master-Abschlussarbeit

Benjamin Wiedenbruch hat uns freundlicherweise die Genehmigung erteilt, seine Master-Abschlussarbeit auf unserer Webseite zum Download anzubieten.

Ihr könnt sie hier herunterladen:
Download

Über Patrick Möller

Patrick Moeller berät Unternehmen, Agenturen und Kreative bei Transmedia Storytelling Projekten, konzipiert letztere zudem auch bis hin zur Umsetzung.
Er ist Gründer und Herausgeber der ARG-Reporter-News, einer Webseite, die über Alternate Reality Games und Transmedia Projekte auf der ganzen Welt berichtet. Zudem ist er Mitbegründer von Transmedia Storytelling Berlin und den imaginary friends.

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